Warum mutig loslassen auch etwas mit Selbstvertrauen zu tun hat

von | Apr 10, 2017 | Allgemein, Flow, Freiheit | 2 Kommentare

Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser. Das sagt der Volksmund. Bei mir gab es Momente im Leben, wo weder Vertrauen noch Kontrolle wirklich gereicht haben. Bis zu einem ganz wichtigen Erlebnis, nach dem sich vieles für mich gelöst hat, weil ich es zugelassen habe! Ich habe zugelassen zu vertrauen und konnte so die Kontrolle abgeben. Wie es dazu kam, kannst du in diesem Artikel lesen!

Wie du vielleicht weißt, klettere ich leidenschaftlich gerne. Meiner Höhenangst zum Trotz, ich liebe es, Schritt für Schritt mir meinen Weg nach oben zu bahnen. Dann bin ich im ultimativen Flow, ich vergesse die besagte Höhenangst und ich vergesse Zeit und Raum. Mittlerweile kann ich es richtig genießen, wenn ich oben ankomme und mich an der wunderbaren Aussicht erfreue! Ich genieße die Klarheit, die Weitsicht und das wunderbare Gefühl, etwas Großes geschafft zu haben.

Das war nicht immer so. Es gab Momente in meinem Leben, wo ich die Aussicht und den Weitblick nicht so sehr genießen konnte.

Ich möchte mit dir heute eine Geschichte aus meinem Leben teilen, die für mich sehr aufregend und lehrreich war. An einem Tag war ich mit meinem Kletterpartner in der Pfalz. Wir hatten eine wunderbare Mehrseillängen Route geplant. Als ich unten am Fuße des Felsen ankam und nach oben schaute, spürte ich schon wieder die schweißnassen Hände, ich spürte das Kribbeln in der Bauchgegend und Nervosität kam auf. Wie immer wurden die üblichen Rituale durchgeführt. Sicherheitscheck: Sind wir beide richtig eingebunden in das Seil? Ist der Knoten auch richtig gelegt, ist alles andere Equipment an seinem Platz, sind alle Kommandos klar? Alles klar und ab die Post. Ich war unsicher und ängstlich, denn ich war noch voll in meiner Angst gefangen und letztlich war ich erleichtert, als ich endlich oben angekommen war.

Weiterhin angeseilt blieb ich wie üblich zuerst einmal neben dem Sicherungshaken sitzen. Mein Kletterpartner fragte mich, ob ich nicht die wunderbare Aussicht genießen wolle. Die Aussicht genießen? Nein, das war nicht möglich, denn ich war noch viel zu sehr gefangen in der Angst, denn wäre ich aufgestanden, um mich auszubinden, hätte ich die volle Kontrolle abgeben müssen. Die Kontrolle über mein Leben – so fühlte es sich an. Doch wir befanden uns auf einem Fels, der oben breit und flach war, und auf dem man wunderbar und problemlos spazieren gehen konnte ohne eingebunden zu sein. Wie immer war es toll oben zu sein, und ich war stolz es geschafft zu haben, aber vertrauen konnte ich mir in dem Moment nicht. Ich wusste auch ganz genau: Ich muss hier irgendwie auch wieder runterkommen!

Wenn du schon einmal geklettert bist, dann weißt du, dass es dann ans Abseilen geht.

Das ist der Moment, in dem du die volle und alleinige Verantwortung über dein Tun übernimmst. Der Moment, wo du nicht mehr vom Partner gesichert wirst, sondern dich ganz alleine zuerst Schritt für Schritt über die Felskante hinaus und dann – wenn du willst – in einem Flow dich an dem Seil quasi herabgleiten lässt.

Ein guter Kletterer sorgt natürlich auch für Redundanz, was in diesem Zusammenhang bedeutet, dass man sich doppelt absichert, mit Sicherungselementen, die unabhängig voneinander funktionieren. Seilt man sich ohne weitere Zusatzsicherung ab, würde man im Falle eines Unglücks (z.B. Steinschlag auf die Hände) abstürzen. Ich nutzte also zusätzlich ein spezielles dünneres Seil (eine Reepschnur), welches an meinem Gurt, als auch am Seil, an dem ich mich abseilte, fixiert war. Sollte mir aus irgendeinem Grunde etwas zustoßen, würde sich dieses dünnere Seil zuziehen und ich würde nicht abstürzen.

Ich wagte also äußerst nervös den Schritt über die Kante, merkte, wie sich meine Hände wieder zu Schweißhänden verwandelten und seilte mich langsam ein Stückchen ab.

Auf Grund der Tatsache, dass ich voll in meiner Angst und meinem Kontrollzwang gefangen war, passierte, was passieren musste. Ich war verkrampft, gefühlt am Rande des Wahnsinns und musste voll und ganz nur auf mich vertrauen, was in dem Zustand schwierig war. Kräftig zog ich an dieser Reepschnur, die sich aufgrund meines Ziehens immer weiter festzog. Ich hing also in diesem Seil fest, hatte keinen Kontakt mehr zum Felsen mit meinen Füßen und es kam wie es kommen musste… jetzt fing ich auch noch an mich im Seil zu drehen, wie im Karussell. Was andere vielleicht in dem Moment genießen, war für mich in dem Moment extrem nervenaufreibend. Ich rief meinem Kletterpartner zu, der noch oben auf dem Felsen stand, dass ich mich nicht weiter abseilen könne, und er versuchte mir Tipps zu geben, wie ich die Reepschnur lockern könne. Es gelang mir nicht. Er selber konnte sich nicht an unserem Seil noch abseilen, und so schien die Situation aussichtslos.

Ich fühlte mich hektisch, verloren. Angespannt. Stress pur.

Glücklicherweise kam gerade oben auf dem Fels eine weitere Seilschaft (ein Kletterpaar) an, die sich bereit erklärten mir aus der Patsche zu helfen. Einer der beiden wollte sich neben mir an seinem eigenen Seil abseilen und mir helfen. Ich musste also nur noch warten. Ich konnte nichts machen. Nur warten.

Und dann passierte das, womit ich nie gerechnet hätte!

Langsam begann ich mutiger zu werden. Ich begann zu vertrauen. In mich, in die Technik. In die Reepschnur, die sich so wunderbar festgezogen hatte. Ich begann loszulassen und mich hinzugeben in diese Situation. Ich gab die Kontrolle ab. Langsam fiel alle Spannung von mir ab. Weil ich mich bewusst dazu entschieden habe. Weil ich tief im Inneren wusste, dass alles in Ordnung ist, dass ich Knoten und alle andere Technik wunderbar und sicher angebracht hatte und das alles wieder gut werden würde.

Ganz langsam ließ ich meine Hände los, breitete meine Arme aus und vertraute. Hätte ich in diesem Moment nicht diese wunderbare Reepschnur gehabt, wäre ich abgestürzt. Doch ich vertraute und konnte endlich die wunderbare Aussicht genießen, ich konnte über die Baumwipfel hinüber schauen, konnte das Tal sehen, die Ortschaften um mich herum. Es war einfach wunderbar.

Selten habe ich eine solche Freiheit und eine solche Leichtigkeit gespürt, wie in diesem Moment!

Was will ich dir mit dieser Geschichte erzählen: Es ist eine bewusste Entscheidung, mit deinen Ängsten umzugehen. Es ist eine bewusste Entscheidung, die Situation trotz Zweifel und Ängste zu genießen. Es ist eine bewusste Entscheidung, mutig zu vertrauen und die Kontrolle abzugeben. Glaub an dich. An deine Fähigkeiten!

Vertraue. Lass los. Und du wirst die Aussicht viel besser genießen können!

 

Für mich war diese Erfahrung ganz entscheidend für meine späteren Klettererfahrungen. Seit dem ich diese Erfahrung gemacht habe, weiß ich, was es heißt mir zu vertrauen. Der Sicherungstechnik zu vertrauen. Seitdem ich diese Erfahrung gemacht habe, kann ich das Klettern und die Aussicht viel besser genießen. Seitdem ich diese Erfahrung gemacht habe, kann auch ich das Klettererlebnis tatsächlich genießen, trotz der Höhenangst.

Diese Erfahrung war jedoch nicht nur für meine Klettersicherheit von großer Bedeutung, sondern auch für mein gesamtes Leben. In Momenten der Selbstzweifel erinnere ich mich gerne an den Moment zurück, wo ich vollster Vertrauen einfach losgelassen habe und die Kontrolle abgegeben habe. Die Leichtigkeit gespürt habe, die diese Situation dann darstellte. Seit dem ich diese Erfahrung gemacht habe, kann ich viel leichter erfolgreich sein, denn ich weiss, dass ich mich jederzeit bewusst entscheiden kann, was ich denken will.

Ja, es erfordert Arbeit.
Ja, es ist nicht immer leicht.
Ja, es ist es immer WERT!

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